Dieser Irrglaube gehört zu den Mystifikationen im Bereich der Ökonomie, die mir seit langem "im Magen" liegen und zu deren Beseitigung ich hier auch beitragen will (siehe Übersicht Ökonomie).
Dankenswerterweise hat Peter Wahl vom deutschen Informationsdienst WEED (Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung) kürzlich eine Stellungnahme dazu verfasst (Leben wir auf Kosten der Dritten Welt?), deren Lektüre ich hiermit empfehle.
Ich habe den Text über die Mailingliste des Beigewum (Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen; Wien) erhalten. Bisher konnte ich keine Online-Version entdecken, daher führt der obige Link zu einer von mir erstellten html-Version des Textes auf dieser Website.
Peter Wahl nennt darin einige Komponenten des tatsächlich substanziellen Ressourcentransfers vom Süden in den Norden wie etwa den Verfall der Terms of Trade der Entwicklungsländer (des Verhältnisses der gewichteten Export- und Importpreise eines Landes), Nettotransfers über den Schuldendienst, Repatriierung von Profiten oder den Brain Drain (Emigration qualifizierter Arbeitskräfte in den Norden). Dass etwa der Verfall der Terms of Trade nicht nur die (historisch sinkenden) Rohstoffpreise betrifft, sondern nun auch Industrieprodukte aus Entwicklungsländern erfasst, stellte die UN-Konferenz über Handel und Entwicklung (UNCTAD) bereits in ihrem Trade and Development Report 1999 fest (siehe dazu und zum Schuldendienst meinen Südwind-Artikel Die Grenzen der Liberalisierung).
Alles zusammen kommt Wahl auf einen Betrag zwischen 400 und 800 Mrd. US-Dollar jährlich. Über die Quantifizierung der einzelnen Faktoren lässt sich sicher genauso streiten wie darüber, welcher Teil davon nun welchen Bevölkerungsgruppen zugute kommt, doch nicht über die Dimension: Es handelt sich um höchstens 3% des Bruttoinlandsprodukts der reichen Länder.
Selbst dieser Betrag dürfte überschätzt sein, denn einigen der genannten Komponenten stehen umgekehrte Ressourcenflüsse gegenüber: Den repatriierten Gewinnen etwa gehen ausländische Direktinvestitionen voraus, während die steigenden, überwiegend in US-Staatsanleihen investierten Währungsreserven der Entwicklungsländer (die einen Kapitalexport des Südens in den Norden darstellen) auch auf zuvor erzielten Überschüssen im Handel mit Waren und Dienstleistungen beruhen. Auch scheinen die Überweisungen von MigrantInnen in ihre Heimatländer im Süden nicht in die Rechnung eingegangen zu sein - und dabei dürfte es sich um weit mehr als 100 Mrd. US-Dollar jährlich handeln (siehe dazu auch meinen Südwind-Artikel Manna in der Wüste).
Sicher wird der Text Peter Wahls den Irrglauben über die unmoralischen Quellen unseres Wohlstands (von dem gerade im Norden eine wachsende Zahl von Menschen de facto ausgeschlossen wird, Stichwort "Prekarisierung") nicht auslöschen; als Beitrag zur Versachlichung der Debatte ist er aber höchst brauchbar.
Pünktlich zum Weltspartag rief Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (VP) zu einer Anhebung der nationalen Sparquote auf (siehe Artikel im Standard). Genau genommen sollte sie von 8,4% (2003) auf 10%, den Durchschnitt der Eurozone steigen, meinte Bartenstein. Wozu das gut sein soll, verschwieg er uns allerdings - offenbar zur Charakterbildung, denn Sparen sei "allemal eine Tugend", wie uns der Minister wissen ließ.
Das Fehlen einer Begründung ist jedoch kein Wunder: Derartige Aufrufe zu vermehrtem Sparen sind in der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Situation grober Unfug. Der einzige Sektor, der davon unmittelbar profitiert, ist die Finanzbranche - also Banken, Versicherungen, Immobiliengesellschaften sowie Investitions- und Pensionsfonds jeder Spielart.
Warum ist das so? Sparen ist, entgegen Bartensteins Gefasel von "Tugend", grundsätzlich ein Problem. Denn nichts garantiert, dass die "gesparten" Mittel irgendwelche positiven wirtschaftlichen Effekte auslösen - abgesehen von dem privaten Nutzen einer "Vermögensbildung". Hierzulande wird unter "Sparquote" jener Teil des verfügbaren Nettoeinkommens der privaten Haushalte verstanden, der nicht für Konsumzwecke ausgegeben wird, sondern auf Giro- und Sparkonten eingezahlt, in Finanzanlagen wie Aktien, Anleihen, Fondsanteile oder in Lebensversicherungen oder den Erwerb von Wohnungseigentum gesteckt wird.
Werden Finanzanlagen erworben, wechselt das Geld im Allgemeinen bloß den Eigentümer - was die Verkäufer dieser Wertpapiere damit tun, ist nicht absehbar: Erstemissionen von Anleihen oder Aktien, deren Erlös für Investitionen in die Realwirtschaft verwendet wird, repräsentieren nur einen kleinen Anteil (siehe u.a. Mehr Parfüm als Substanz zum Nutzen des "ethischen Investierens"). Nutznießer sind die "Vermittler" dieser Geschäfte, die dafür teils saftige Gebühren kassieren. Ähnliches gilt für den Erwerb bereits errichteten Wohnraums - auch hier findet bloß ein von zahlreichen Gebühren belasteter Eigentumswechsel statt, und auch hier weiß niemand, was mit den Mitteln weiter passiert. Um nicht auszuufern, verzichte ich hier auf eine Diskussion des volkswirtschaftlichen Sinns und Unsinns steigender Preise von Vermögenswerten wie Aktien und Immobilien.
Der Effekt der bisher behandelten "Sparformen" auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist also bestenfalls neutral. Besonders problematisch ist jedoch jener Teil des "Gesparten", der sich in Gutschriften auf Giro- oder Sparkonten verwandelt. Diese Mittel fehlen dem Wirtschaftskreislauf und sind nur durch Mittel ersetzbar, die in Form verzinslicher Kredite zur Verfügung gestellt werden. Diese Kreditaufnahme erfolgt jedoch keineswegs automatisch, sondern nur dann, wenn eine entsprechende Verschuldungs- und Investitionsbereitschaft der Unternehmen existiert.
Nun weist aber die Konsumnachfrage in Österreich, die rund 60% des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, nur minimale Zuwachsraten auf (2003: real +0,6%, siehe Pressemeldung Statistik Austria vom 8.10.2004) und fehlt daher als Wachstumsmotor. Sparaufrufe á la Bartenstein sind daher völlig widersinnig. Was die Unternehmen brauchen, sind Aussichten auf nachhaltige Nachfragesteigerungen. Höhere Guthaben auf Giro- und Sparkonten helfen ihnen nicht. Weiß Bartenstein überhaupt, was er tut?
In jüngster Zeit haben sich die seit dem Platzen der "Dot.com"-Blase an den US-Börsen laut gewordenen Warnungen vor einem weit schwereren Kollaps der US-Wirtschaft und damit der Weltwirtschaft zu einer Flut vervielfacht.
Es geht um zwei zusammenhängende Problemkreise: 1. Das wachsende Handels- und Leistungsbilanzdefizit der USA und seine Finanzierung durch Kapitalimport aus Europa und Asien, inkl. China (u.a. werden Dollarüberschüsse in US-Staatsanleihen angelegt) und seine mögliche "Korrektur" durch einen Crash des US-Dollar; 2. Eine generelle Überschuldung der US-Wirtschaft, begleitet und ermöglicht von einer raschen Ausweitung der Geldmenge. Erstere Gefahr wird u.a. auch im letzten Bericht über Handel und Entwicklung der UNCTAD vom 16.9.2004 hervorgehoben.
Eine mit seltener Klarheit und Prägnanz verfasste Analyse der Situation wurde Anfang August von safehaven.com veröffentlicht: Money Created "Out of Thin Air" von Richard Benson. Ich kann sie nur wärmstens empfehlen - obwohl es einem/r dabei kalt werden kann.
Wirtschaftsanalysen aus dem linken Spektrum, so richtig sie im Grunde oft sind, lassen immer wieder erstaunliche Wissensdefizite und Widersprüchlichkeiten erkennen. Zwei Beispiele finden sich etwa
in der letzten Ausgabe (7/8-2004) der Zeitschrift "Die Alternative", herausgegeben von den Alternativen und Grünen GewerkschafterInnnen im ÖGB (www.ug-oegb.at).
Mit Interesse las ich die Artikel "Arbeitszeit: Darf's a bisserl mehr sein?" von Markus Koza sowie "Krise der Erwerbsarbeit" von Josef Schmee, denen ich inhaltlich im Großen und Ganzen durchaus zustimme. Leider beinhalten beide erstaunliche Schnitzer bzw. Widersprüche.
Im ersten Fall geht es um den von der Arbeiterkammer (siehe AK Pressemeldung) festgestellten Umstand, dass 170 große österreichische Kapitalgesellschaften ihre Gewinnausschüttungen 2003 gegenüber dem Vorjahr um 9,5% auf 1,7 Mrd. Euro gesteigert haben (lassen wir einmal beiseite, dass im besagten Artikel stattdessen von 147 Mio. die Rede ist - das waren die 9,5%). Hervorgehoben wird, dass der ausgeschüttete Betrag die tatsächlich erwirtschafteten Gewinne um 0,8% übersteigt, die KapitaleignerInnen also zum Teil aus der Substanz der Unternehmen bedient werden. Tatsächlich einer Kritik wert.
Doch dann zieht der Autor die folgende Schlussfolgerung: "(...) da bleibt kein Cent für zukunftsfähige Investitionen, für Modernisierungen, neue Produktionstechniken." Hoppla: Investitionen sind ja gewinnmindernde Aufwendungen. Wäre in der Tat seltsam, wenn sich die für Investitionen verfügbaren Finanzmittel eines Unternehmen auf jenen Betrag beschränken würden, der sich im Jahresabschluss als "Gewinn nach Steuern" ergibt. Genau das nimmt der Autor aber offensichtlich an.
Im zweiten Fall konstatiert der Nationalökonom Josef Schmee vorerst m.E. korrekt, dass sich heute die Arbeitslosigkeit selbst im konjunkturellen Aufschwung nicht mehr wesentlich verringert. Also obwohl die Wirtschaft wächst, nimmt die Beschäftigung kaum zu. Das führt Schmee auf einen Strukturbruch der kapitalistischen Gesellschaften zurück, genauer gesagt auf die durch den Konkurrenzkampf erzwungenen Produktivitätssteigerungen und Rationalisierungsinvestitionen - also auf beschleunigten technischen Fortschritt.
Gegen Ende seines Beitrags behauptet Schmee jedoch: "Ganz allgemein ist die hohe Arbeitslosigkeit nicht technologisch, sondern wachstumsbedingt." Also was jetzt? Zuerst ist die technologische Entwicklung schuld, und dann aber nicht, sondern vielmehr das fehlende Wachstum, das aber wie zuvor analysiert die Beschäftigung nicht mehr steigert? Rätselhaft.
Merkwürdige Dinge geschehen am 12. Oktober 2004: Unter Berufung auf die österreichische Aids-Gesellschaft berichten die österreichische Presseagentur APA, der österreichische Hörfunk (Ö1), ORF Online (Link) und der Standard (Link) von einer Zunahme der HIV-Infektionen in Österreich. Zahlen, die diese Zunahme belegen könnten, werden in den Medienbeiträgen jedoch nicht genannt. Kein Wunder: es gibt nämlich keine.
In den Jahren 2000 bis 2002 wurden folgende Neuinfektionen registriert (Quelle: Österreichische Apothekerzeitung): 2000: 428; 2001: 398; 2002: 442. Und 2003 haben sich 423 ÖsterreicherInnen mit dem HI-Virus infiziert, zitiert science.orf.at die österreichische Aids-Gesellschaft. Womit also 2003 weniger Neuinfektionen registriert wurden als im Jahr davor.
Es gibt auch keinen Beleg dafür, dass die ÖsterreicherInnen "unvorsichtiger" würden: Während die Zahl der HIV-Positiven ständig zunimmt, bleibt die Zahl der Neuinfektionen relativ konstant (siehe Grafik). Daraus könnte eher auf ein zunehmend verantwortliches Verhalten geschlossen werden, keinesfalls jedoch auf das Gegenteil.
Zwei Fragen stellen sich: 1. Was motiviert die österreichische Aids-Gesellschaft zu ihrer Behauptung? 2. Warum wird diese Behauptung von Medien offensichtlich ohne jede Überprüfung übernommen, ja nicht einmal nach den entsprechenden Zahlen gefragt?

Die HIV-Infektionsrate weiblicher Teenager (unter 19) im südafrikanischen Swasiland ist dramatisch niedriger als bisher angenommen, ergab eine Studie im Auftrag des UN-Kinderhilfswerks UNICEF: 6% anstatt 32,5%. Gleichzeitig bestätigt die Studie jedoch hohe Infektionsraten bei über 19-Jährigen (40%).
Mehr unter SWAZILAND: New survey shows much lower HIV infection among youth
(www.irinnews.org, 27. August 2004).
Der Artikel hinterfragt u.a. die in ganz Afrika übliche Praxis, von positiven HIV-Tests schwangerer Frauen in einzelnen Kliniken auf die Infektionsraten der Gesamtbevölkerung zu schließen. Unterschlagen wird jedoch, dass Schwangerschaft an sich zu falsch-positiven Tests führen kann. Zu den Schätzungsmethoden der WHO siehe waking up to reality.
Außerdem wird die niedrigere Rate unter jüngeren Mädchen in Swasiland auf einen Erfolg von AIDS-Informationskampagnen zurückgeführt. Diese Hypothese wurde auch herangezogen, um das Ausbleiben der erwarteten Katastrophe in Uganda zu erklären. Mehr dazu hier.
Immer wieder werden Horrorzahlen über HIV-Infektionen und AIDS-Erkrankungen in Entwicklungsländern in Zweifel gestellt oder reduziert - von der UNO selbst oder von anderen Institutionen und WissenschaftlerInnen. Über Beispiele berichtet etwa der Artikel
Estimates on HIV called too high (Boston Globe, 20. Juni 2004).
Wenn der Link nicht mehr funktioniert, kann der Artikel hier gelesen werden.
2003 sorgten medizinische Wissenschaftler für Aufregung, indem sie nachwiesen, dass die Hypothese einer überwiegend heterosexuellen Übertragung von HIV in Afrika südlich der Sahara anderen vorhandenen Daten widerspricht. Entgegen der Hypothese sind HIV-Infektionen nicht mit anderen sexuell übertragenen Infektionen (STI) korreliert.
Die Autoren dazu: "Wir postulieren, dass vorhandene Daten sich nicht mehr mit der bisherigen Annahme einer außergewöhnlichen Rolle heterosexuellen Geschlechtsverkehrs in der AIDS-Epidemie in Afrika in Einklang bringen lassen."
Das Paper der Autoren ("Mounting anomalies in the epidemiology of HIV
in Africa: cry the beloved paradigm", International Journal of STD & AIDS 2003;14 :144-147) kann hier gelesen/heruntergeladen werden (im Format pdf).
Uganda wurde einmal als Epizentrum der AIDS-Epidemie in Afrika beschrieben. Aber die erwartete Katastrophe ist ausgeblieben. Update on Uganda ist eine Analyse (englisch) der Prognosen und Annahmen über das frühere Epizentrum der AIDS-Epidemie, erstellt vom österreichischen Gynäkologen Christian Fiala. Sie wurde - gemeinsam mit anderen wissenschaftlichen Arbeiten, die sich kritisch mit der "orthodoxen" Wissenschaft zu AIDS und HIV auseinandersetzen - bei einer Konferenz im Europäischen Parlament im Dezember 2003 präsentiert.
Einige der Hauptpunkte dieser Analyse hat Christian Fiala in einem Artikel für das Südwind-Magazin zusammengefasst: Gefragt: Vernunft statt Hysterie (April 2003): "Das Ausbleiben der vorhergesagten Aids-Katastrophe in Uganda stellt die Grundannahmen über die Epidemie in Frage. Höchste Zeit, die Prioritäten in der Gesundheitspolitik zu überdenken, fordert Christian Fiala."
Nach Angaben von UNAIDS sind mehr als 37% der EinwohnerInnen Botswanas im Alter zwischen 15 und 49 Jahren (330.000) mit HIV infiziert (eine Schätzung; bis Mitte 2003 wurden insgesamt nur 70.000 HIV-Tests durchgeführt).
Doch die vielgepriesene Anti-AIDS-Strategie Botswanas führte im vergangenen Jahr (2003) zu einem Rätsel, schrieb der britische Economist ("The ideal versus the best", 26.2.04). Obwohl seit zwei Jahren anti-retrovirale Medikamente gratis bereitgestellt werden, haben bisher nur 18.000 (5,4% der Menschen, die als infiziert gelten) eine Behandlung in öffentlichen Krankenhäusern beansprucht, und nur 12.000 davon nehmen die Medikamente.
Offenbar gibt es entweder nicht mehr schwer AIDS-kranke Menschen oder es gibt sie, aber sie wollen nicht behandelt werden.
Wie auch immer: die Gesundheitsbehörden in Botswana sind fest entschlossen, ihr Behandlungsprogramm auszubauen. Menschen werden nun routinemäßig auf HIV getestet, sofern sie das nicht ausdrücklich ablehnen. Der nächste Schritt wären Zwangstests und die Zwangsbehandlung schwangerer Frauen mit einem positiven HIV-Test, Maßnahmen, die laut Economist bereits überlegt werden.
Außerdem wird vorgeschlagen, wegen Mangel an Geld und Ausrüstung/Infrastruktur auf einige teure Tests für sekundäre klinische Marker (Surrogatmarker) wie Ermittlung der Zahl der CD4-Zellen oder "Viruslast" zu verzichten.
Das entspräche der neuen WHO/UNAIDS-Strategie, bis 2005 drei Millionen AIDS-PatientInnen mit anti-retroviralen Medikamenten zu behandeln.
Die WHO und UNAIDS veröffentlichten am 1.12.03 eine neue Strategie im Kampf gegen AIDS. Ziel: Bis 2005 sollen drei Millionen AIDS-PatientInnen in armen Ländern mit anti-retroviralen Medikamenten behandelt werden. Die neue Strategie propagiert einfach anwendbare Tests, etwa des Körpergewichts oder des Bluts anhand einer Farbskala (siehe die entsprechende UNAIDS-Presseinformation). Auf teure Tests für sekundäre klinische Marker (Surrogatmarker) wie Ermittlung der Zahl der CD4-Zellen oder der "Viruslast" soll verzichtet werden, "sofern noch nicht verfügbar".
Diese Strategie widerspricht jedoch den Standards der etablierten AIDS-Medizin, wonach CD4-Zahlen und Viruslast als "essenzielle" klinische Marker für die Entscheidung gelten, ob eine anti-retrovirale Behandlung begonnen werden soll oder nicht. Dies vor allem aufgrund der anerkannten "schwerwiegenden Nebenwirkungen" dieser Medikamente - im Klartext wegen ihrer Toxizität. (Siehe auch die letzten in den USA geltenden Behandlungsrichtlinien: U.S. treatment guidelines für Erwachsene (pdf, 3,7 mB), wo es auf Seite 9 heißt: "Plasma HIV RNA (viral load) may be a consideration in the decision to initiate therapy. In addition, viral load is critical for evaluating response to therapy (AI).")
Als ob das nicht bereits bedenklich genug wäre, propagiert die WHO/UNAIDS-Strategie außerdem, dem Mangel an ÄrztInnen durch "Community workers" beizukommen, was als einer der "innovativen Aspekte" der neuen Strategie gepriesen wird: Nach einer gewissen Schulung würden diese medizinischen Laien PatientInnen "evaluieren und überwachen", was offenbar auch die Diagnose von AIDS ("evaluieren") und die Verordnung und Abänderung von Behandlungsregimen inkludiert.
Kommt es tatsächlich so weit, wären ansonsten gesunde Menschen in Botswana und in anderen "am stärksten von AIDS betroffenen" Ländern ungeschützt einer Vergiftung durch anti-retrovirale Medikamente preisgegeben (schwangere Frauen bzw. Mütter sogar gegen ihren Willen), bloß weil sie einen (notorisch unzuverlässigen) positiven HIV-Test erhielten oder von einem freundlichen Nachbarn mit "AIDS" diagnostiziert wurden.
Das wäre in etwa das selbe wie auf eine permanente Chemotherapie gegen Krebs gesetzt zu werden, weil jemand den Eindruck hat, man sehe so aus, als ob man Krebs haben könnte.
Wenn das nicht unverantwortlich und geradezu verrückt ist, was dann?
Erschreckend ist vor allem, dass es kaum Proteste gegen diese geplante drittklassige "medizinische Behandlung" in Entwicklungsländern gibt. AIDS scheint dem Neokolonialismus in der Medizin Tür und Tor zu öffnen.
Keine Woche vergeht, ohne dass nicht in Zusammenhang mit den relativ hohen Ölpreisen auf eine immer geringere Lücke zwischen Angebot und Nachfrage verwiesen wird. Die überschüssige Förderkapazität der OPEC etwa wird in der Regel auf höchstens 1 Mio. Barrel/Tag (bpd) geschätzt - bei einer Gesamtnachfrage von mehr als 80 Mio. bpd.
Umso mehr Aufmerksamkeit verdient ein Bericht an das National Energy Technology Laboratory des US-Energieministeriums, der sich mit den Auswirkungen eines historischen Fördermaximums bei konventionellem Öl (siehe auch meine kurze Einführung zu Peak oil) und möglichen Abfederungsmaßnahmen befasst ("PEAKING OF WORLD OIL PRODUCTION: IMPACTS, MITIGATION, & RISK MANAGEMENT", Februar 2005; Autoren:
Robert L. Hirsch, SAIC, Project Leader; Roger Bezdek, MISI; Robert Wendling, MISI).
Der Bericht ist mittlerweile in voller Länge in die Öffentlichkeit gelangt - ob mit oder ohne Zustimmung der Autoren bzw. der Auftraggeber, konnte ich nicht recherchieren. Eine mögliche Download-Adresse (pdf, 1,2Mb): www.hilltoplancers.org/stories/hirsch0502.pdf (ohne Gewähr).
Auf www.peakoil.net wurde eine kurze Zusammenfassung des Berichts veröffentlicht.
Aufgrund seiner Abhängigkeit von flüssigen Brennstoffen wäre natürlich der Sektor Transport und Verkehr am stärksten betroffen. Es würde ca. 2.300 Milliarden US-Dollar kosten und 10-15 Jahre dauern, bloß die Hälfte der mehr als 200 Millionen PKWs und Lieferwagen (Vans, Pick-ups, SUVs) in den USA
durch energieeffiziente Modelle zu ersetzen, heißt es in dem Bericht. Ähnliche Vorlaufzeiten und Kosten ergeben sich laut den Autoren weltweit. Ob die Weltwirtschaft eine sinkende Ölförderung ohne Kollaps überlebt, hängt daher entscheidend davon ab, dass Gegenmaßnahmen rechtzeitig getroffen werden.
Die Autoren beschreiben drei mögliche Szenarios:
Hohe Ölpreise haben Ölunternehmen zu einer Erhöhung der Aufwendungen für Exploration und Produktion motiviert. Die bisherige Steigerung ist aber weit geringer als in den 1970er Jahren - was in ein paar Jahren (ungeachtet der Reservendiskussion, siehe peak oil) zu Versorgungsproblemen führen könnte. Ein Grund: Druck institutioneller Anleger auf die Unternehmen, meint James Crandell, ein Analyst von Lehman Brothers. Mehr dazu unter Oil Companies Go Slow on Exploration (Investor's Business Daily; alter Link: http://biz.yahoo.com/ibd/040830/feature_2.html).
Während der letzten Monate scheint sich die Welt der Möglichkeit einer Ölknappheit und/oder eines Förderhöhepunkts bewusst geworden zu sein: Steigende Ölpreise, eine historisch niedrige Überschusskapazität und die Terrorgefahr in ölexportierenden Ländern im Nahen Osten, insbesondere in Saudi-Arabien dürften dafür den Boden bereitet haben. Ein Kommentar zur Entwicklung aus pessimistischer Sicht: Peak Oil Revisited - The Bill Collector Calls (21.6.04) von Michael C. Ruppert, www.fromthewilderness.com.
GrünpolitikerInnen in Europa sind im vergangenen April auf das "Peak oil"-Thema eingestiegen. Am 1.April meldete sich der frühere französische Umweltminister Yves Cochet mit einer düsteren Warnung im Le Monde zu Wort (die - auf französisch - hier (leider nicht mehr) aber dafür hier gelesen werden kann). Rund zwei Wochen später veranstaltete der bekannte österreichische Grünpolitiker Christoph Chorherr eine Pressekonferenz zum Thema Peak oil. Die Wiener Grünen haben eine Einführung zum Thema erstellt, die man auf dieser Archivseite herunterladen kann.
Dass das Thema gerade jetzt aufgegriffen wird, könnte auch mit jüngsten enttäuschenden Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Kioto-Protokoll und Kohlendioxid-Emissionszertifikaten stehen.
In einem Reuters-Bericht vom 6.April 2004 räumen russische Regierungsvertreter ein, dass die Ölförderung des Landes die Neuentdeckungen weit übersteigt. Laut dem Ministerium für natürliche Ressourcen fanden russische Ölfirmen 2003 240 Millionen Tonnen, während sich die Förderung auf 421 Millionen Tonnen belief. 2002 wurden 380 Mio. Tonnen gefördert und 254 Mio. Tonnen gefunden.
"Auf Basis der Projektdokumentation der Firmen reichen die Ölvorkommen aus, um die geplante Produktion bis 2010 zu decken. Von 2010 an und insbesondere danach könnten (dem Land) die sicheren Reserven fehlen", hieß es in der Stellungnahme.
Mehr dazu unter Russia says oil reserves repletion lags production (alter Link: http://biz.yahoo.com/rm/040406/energy_russia_reserves_1.html).
Die Ölförderung Saudi-Arabiens könnte für viele Jahre gesichert sein - oder ebenso am Rande des Zusammenbruchs stehen. Das meint zumindest Matthew Simmons, Chef von Simmons and Co (der größten privaten Energie-Investmentbank der Welt). Simmons: "Wir könnten schon in nächster Zukunft einen Einbruch ihrer Produktion um 30 oder 40 Prozent erleben, und 'nächste Zukunft' bedeutet irgendwann in den nächsten drei bis fünf Jahren - aber es könnte sogar morgen sein."
Ein Artikel dazu, A Tale of Two Planets, wurde auf der Website www.fromthewilderness.com veröffentlicht (eine kurze Beschreibung der Site befindet sich hier).