[Juli 2005]
Auf dem Weg der Besserung
Ein Reformprogramm Marke IWF und die Bemühungen um einen eventuellen EU-Beitritt haben der türkischen Wirtschaft einen raschen Modernisierungsschub verpasst.
Die Überwindung der strukturellen Probleme steht aber noch aus.
Der Patient ist über den Berg, so
könnte die Türkei-Diagnose des
Internationalen Währungsfonds
(IWF) lauten: Die Wirtschaft
der seit einigen Jahren von
wiederholten Krisen gebeutelten Türkei
zeigte zuletzt eine überraschende Dynamik.
Die OECD erwartet auch bis 2006
Wachstumsraten von sechs Prozent. Die
Inflationsrate sank 2004 erstmals seit
Jahrzehnten unter zehn Prozent, und das
Sinken der Realzinsen und der mit dem
IWF vereinbarte drakonische Sparkurs
haben es ermöglicht, die öffentliche Verschuldung
von mehr als 90 Prozent des
Bruttoinlandprodukts (BIP) auf nur
mehr 63,5 Prozent Ende 2004 zu drücken.
Das Budgetdefizit, 2001 noch bei
16,2 Prozent (!), hatte sich 2004 mehr als
halbiert und soll 2005 auf knapp sechs
Prozent sinken.
Sorgen bereitet allerdings das Leistungsbilanzdefizit.
Zwar dauert der ursprünglich
durch Rezession und Abwertung
der türkischen Lira verursachte
Aufschwung der Exporte an, doch stiegen
die Importkosten infolge der starken
Binnennachfrage und der hohen Ölpreise
noch weit stärker. Das Defizit im Handel
mit Waren und Dienstleistungen
konnte 2004 auch durch Rekordeinnahmen
im Tourismus von rund 16 Mrd.
US-Dollar nicht ausgeglichen werden.
Die Lücke klafft mit fünf Prozent des
BIP (15 Mrd. Dollar) weit auf.
Eine
Kombination von umgekehrter Kapitalflucht
(Umtausch von Dollar in Lira),
Privatisierungen und neuen Auslandsinvestitionen
sollte das Defizit jedoch reduzieren
und eine Liquiditätskriseaufgrund
der kurzfristigen Auslandsschulden
des Privatsektors vermeiden helfen,
so die Hoffnung.
Ob ausländische Unternehmen, die der
Türkei bisher eher die kalte Schulter gezeigt
haben, auch entsprechend investieren
werden, wird sich zeigen. Zweifellos
hat sich jedoch das Investitionsklima
durch den Reformeifer der Regierung
der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung
(AKP) unter Recep Tayyip Erdogan
verbessert. Der durch das IWFProgramm
sowie die nötigen Vorbereitungen
für einen eventuellen EU-Beitritt
erzeugte Druck verändert die Geschäftskultur
des Landes, ob in Sachen Wettbewerbspolitik,
Kürzung von Landwirtschaftssubventionen,
Verzicht auf staatliche
Preiskontrollen, Privatisierung
oder verschärfter Bankenaufsicht. Die
Existenzbasis einer auf Korruption und
Beziehungen zur Politik angewiesenen
„Insider-Wirtschaft“ löst sich zunehmend
auf. In ihr dominierten Staatsunternehmen,
Staatsbanken, große, von
Gründerfamilien kontrollierte Konglomerate und „Hausbanken“, die als Kreditquelle
dienten, um danach in Konkurs
geschickt zu werden.
Spektakuläre Fälle harren noch einer
gerichtlichen Klärung: Etwa der von Murat
Demirel, Eigentümer der bankrotten
Egebank und Neffe des früheren Staatspräsidenten
Süleyman Demirel. Er soll
im Zuge der letzten Finanzkrise die Tresore
seiner Bank geplündert haben und
wurde zum Jahreswechsel erwischt, als er
mit einem Fischerboot an der bulgarischen
Schwarzmeerküste zu landen versuchte.
Nach dem Index der wahrgenommenen
Korruption von Transparency
International 2004 lag die Türkei jedenfalls
mit 3,2 Punkten gemeinsam mit
Mali und Ägypten noch weit unten auf
der von Finnland mit 9,7 als am
wenigsten korrupten Land angeführten
Liste.
Der „kranke Mann am Bosporus“
mag zwar am Genesen sein,
gesund ist er aber noch lange
nicht. Dass die Arbeitslosigkeit
trotz des Booms nicht verringert werden
konnte, ist eine negative Überraschung.
Die offizielle Arbeitslosenrate liegt mit
derzeit 10,2 Prozent noch immer weit
über dem Niveau von vor der Finanzkrise
(2000: 6,6 Prozent). Die Industrie expandiert
zwar, erhöht aber auch die Arbeitsproduktivität,
während im Dienstleistungssektor
bisher zu wenige neue Arbeitsplätze
entstanden.
Inoffiziell sind Arbeitslosigkeit
und Unterbeschäftigung weit höher – in kurdischen Städten wie
Diyarbakir bis zu 70 Prozent. Ein
„Wachstum ohne Jobs“ kann sich die
Türkei jedoch nicht leisten – die Wirtschaft
muss jährlich 500.000 neue Jobs
schaffen, bloß um das zusätzliche Angebot
neuer Arbeitskräfte aufzunehmen.
Eine potenzielle Zeitbombe ist die Landwirtschaft.
Sie beschäftigt zwar rund ein
Drittel der erwerbstätigen Menschen,
vor allem Frauen, erwirtschaftet aber
nur rund zwölf Prozent des BIP. Der
Sektor ist nach wie vor durch Importzölle
geschützt, eine Ausnahme in dem
durch die Zollunion seit 1996 bestehenden
Freihandel mit der EU. Fällt dieser
Schutz und steigt die Arbeitsproduktivität durch vermehrten Einsatz von Kapital
und Technologie auf den nationalen
Durchschnitt, würden mehr als vier
Millionen Menschen „freigesetzt“.
Die Landwirtschaft stellt auch einen
großen Teil des informellen Sektors, der
gut die Hälfte der gesamten Wirtschaft
ausmachen könnte. Nach OECD-Angaben
waren 2003 im Agrarwesen 90 Prozent
der Beschäftigten nicht registriert,
im Baugewerbe 60, in Handel und Transport
mehr als 40 und selbst in der Industrie
30 Prozent. Ein großer Teil der Bevölkerung
hat also keinen Zugang zu Leistungen
des Sozial- und Gesundheitssystems.
Die OECD sieht einen Teufelskreis
am Werk: Hohe Sozialversicherungsbeiträge
treiben Betriebe in die Informalität,
was die Beitragsbasis schmälert, eine weitere
Erhöhung der Beitragssätze erfordert
und weitere Unternehmen zum „Abtauchen“
motiviert. Entsprechend sinkt auch
die ohnehin niedrige Erwerbsquote – von
1999 knapp 58 auf 51 Prozent 2003. Nach
Angaben des belgischen Centre for European
Policy Studies sind es sogar nur 44
Prozent gegenüber einem EU-15-Schnitt
von 64,4.
Patentrezepte für die Integration des
informellen Sektors gibt es kaum. Laut
OECD könnten sowohl die Systemkosten
als auch die Beiträge gesenkt und der
Einkommensausfall durch eine Erhöhung
indirekter Steuern wettgemacht
werden.Auch empfiehlt sie, die bürokratischen
Hürden für die Gründung eines
Unternehmens abzubauen. Letzteres
wurde bereits in die Tat umgesetzt: Die
Zahl der nötigen Prozeduren wurde von
13 auf 8, die nötige Zeit von 38 auf nur
neun Tage reduziert, während das Steueraufkommen
durch Senkung der Körperschaftssteuersätze
und effizientere
Eintreibung erhöht werden soll.

In der geteilten Wirtschaft drückt sich
auch die Spaltung in einen reicheren
Westen und ein stagnierendes Armenhaus
im Osten/Südosten aus, das zum
Großteil mit den mehrheitlich kurdisch
besiedelten Regionen identisch ist. In Istanbul
und Ankara allein werden 30 Prozent
des BIP erwirtschaftet, und das BIP
pro Kopf ist in den reichen Regionen beinahe
sechsmal so hoch wie in den Grenzregionen
zum Iran und Armenien, in
Kocaeli bei Istanbul sogar elfmal höher
als in der Ostprovinz Mus.
Diese Unterentwicklung
geht bereits auf die Anfänge
der wirtschaftlichen Öffnung des Osmanischen
Reichs zurück. Er setzte sich seit
Gründung der Republik ungebrochen
fort und wurde durch den in den 1980er
Jahren eskalierenden Bürgerkrieg mit der Kurdischen Arbeiterpartei
PKK weiter verschärft, der große Teile
der Bevölkerung zur Flucht in die Städte
und in die Westtürkei gezwungen hat.
Zwar gehört auch ein Ausgleich der
großen regionalen Disparitäten zu den
EU-Forderungen an die Türkei, doch
sieht es nicht danach aus, als ob dieses
Erbe der Vergangenheit rasch überwunden
werden könnte. Weder das seit Jahren
vorangetriebene Südostanatolien-
Projekt (GAP), noch die Ende Mai eröffnete
Ölpipeline von Baku in Aserbaidschan
nach Ceyhan an der türkischen
Mittelmeerküste werden dazu einen unmittelbaren
Beitrag liefern. Das GAP-Projekt
hat mit zahlreichen Stauseen am
Euphrat und Tigris neben der Energieversorgung
der Westtürkei vor allem einen
bewässerungsintensiven Baumwollanbau
im großen Stil ermöglicht. Und
von der Pipeline kann die lokale Wirtschaft
ohnehin nicht profitieren – es sei
denn, die damit verbundenen Einnahmen
würden zum Teil in die Region kanalisiert.
Selbst wenn es einen solchen regionalen
Entwicklungsplan gäbe, ließe er sich
derzeit nicht umsetzen, wie ExpertInnen
der Türkischen Entwicklungsbank
(TKB) einräumen: Es fehlt an finanziellen
Ressourcen, an den Institutionen
und Kompetenzen. Die Provinzen
unterstehen zentral eingesetzten
Gouverneuren, die lokale Finanzautonomie
ist äußerst beschränkt.
Die
Überwindung des Zentralismus der
türkischen Verwaltung ist nur eine
Hürde. Auch die Sicherheitslage müsste
sich weiter stabilisieren. Das ist aber
nicht der Fall: Die verbleibenden PKKRebellen
operieren weiter vom Nordirak
aus, und eine Unabhängigkeitserklärung
der dortigen kurdischen Region, ein uraltes
Schreckgespenst für Ankara, ist
nicht auszuschließen. Private Investoren
werden die Region daher meiden, und
der türkische Staat verfügt über zu wenige
Mittel. Die soziale Sprengkraft dieser
Situation dürfte also bis auf Weiteres bestehen
bleiben.