Donnerstag, 4. September 2008Ersparnisse/Investitionen: Lichtblick UNCTAD
Endlich etwas Vernunft in der Entwicklungsökonomie: Höhere Ersparnisse keine Voraussetzung für höhere Investitionen, unterstreicht die UNCTAD in ihrem Trade and Development Report 2008
Mein Text über den Trugschluss von "Ersparnissen" als Voraussetzung für Investitionen war einer der ersten, den ich für diese Website geschrieben und nachfolgend erweitert habe (siehe Ersparnisse und Investitionen). Mit einiger Befriedigung habe ich festgestellt, dass nun auch die UNCTAD etwas gegen diesen theoretischen Unsinn unternimmt - in ihrem eben erschienenen Trade and Development Report 2008. Vorerst ein Zitat aus einer der begleitenden Presseinformationen (Capital flowing ´uphill´ from poor to rich countries, challenging mainstream economic thinking, Report says) - der Formulierung nach ("even more fundamental departure from mainstream") sind sie ziemlich stolz darauf (Hervorhebungen von mir): The approach of the TDR 2008 features another and even more fundamental departure from mainstream theory: An increase in household savings, which is difficult or even impossible because of low per capita incomes in developing countries, is not necessary to raise investment. UNCTAD proposes an alternative view on the savings-investment relationship where the financing of investment depends primarily on savings from corporate profits and on the potential of the banking system to create credit. In this view, the prerequisites for higher investment are no longer households "putting more money aside" or the availability of "foreign savings," but improved conditions for reinvestment of company profits and for an enhanced role for credit created by the banking sector as it seeks to provide long-term investment financing. Näheres dazu gibt es dann in Kapitel 4 des Reports "Domestic sources of finance and investment in productive capacity", z.B. auf Seite 91 - Hervorhebungen wieder von mir: The nominal value of the firm’s expansion of productive capacity and production of additional goods and services, for which the additional credit was used, increases aggregate income and creates the real economy counterpart to an increase in the money supply. The firm’s larger cash inflow allows the loan to be paid back. The increase in corporate profits and household savings resulting from these additional activities on the real side of the economy lead to an ex post balancing of aggregate investments and savings. Und zum Risiko inflationärer Entwicklung (ebd.): This process of credit creation can be inflationary if it runs up against resource constraints; for example if the rate of credit expansion exceeds the economy’s rate of potential output growth. But the risk of this happening will be limited when credit creation increases real output by putting previously underutilized or unutilized production factors to productive use, or by increasing the productivity of production inputs. Eben, so einfach ist das. Ein Zitat aus meinem oben erwähnten Text: "Wird zusätzliches 'Geld' geschaffen, können damit freie oder unausgelastete Ressourcen mobilisiert werden. Nichts daran ist geheimnisvoll - außer für manche ÖkonomInnen, vielleicht." Mittwoch, 27. September 2006Globalisierung: Lesetipps (I)
Mit seinem letzten "Survey of the World Economy" (14.9.06) hat der britische Economist eine gute Übersicht über die aktuellen Entwicklungen der Weltwirtschaft und die Probleme mit der Globalisierung geliefert.
Der Fokus der Autorin Pam Woodall liegt natürlich auf den Folgen der Integration insbesondere Chinas und Indiens in die Weltwirtschaft. Eine der Aussagen: Die historische Dominanz dieser Volkswirtschaften, die im Gefolge der Industriellen Revolution in den heute reichen Ländern beendet wurde, dürfte in den nächsten Jahrzehnten wiederhergestellt werden. Bemerkenswert am Survey, zumal für ein wirtschaftsliberales Magazin: Der infolge des neuen Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit zuletzt steigende Anteil der Unternehmensgewinne am Volkseinkommen in den reichen Ländern wird als problematisch identifiziert - der Nutzen aus der Globalisierung ist ungleich verteilt, die Reallöhne insbesondere der Mittelschichten nehmen kaum zu oder sinken. Die Empfehlung lautet daher mehr Umverteilung: "(...) governments may need to redistribute the benefits of globalisation more fairly through the tax and benefits system." Fast alle Artikel sind leider nur für AbonnentInnen zugänglich. Allgemein verfügbar sind jedoch der Einleitungsartikel, The new Titans, der vor allem eine historische Perspektive liefert, ein Audio-Interview mit Pam Woodall sowie ein Quellenverzeichnis (Sources and Acknowledgements), ein für Menschen mit ausreichend Zeit und Interesse sicher wertvoller Teil des Surveys. Einige dieser Quellen sind auch im Web gratis verfügbar. Nachfolgend eine Auswahl ebenfalls durchaus lesenswerter Analysen: Global Economics Papers von Goldman Sachs: Dreaming With BRICs: The Path to 2050 (1.Okt. 2003) (pdf, 580 kB) und How Solid are the BRICs? (1.Dez. 2005) (pdf, 435 kB); Fear of Offshoring, Center for Economic Policy Studies der Princeton University, Dezember 2005 (pdf, 100 kB) Globalisation : Trends, Issues and Macro Implications for the EU (pdf, 745 kB) - Europäische Kommission, Generaldirektion für Wirtschaft und Finanzen, Economic Paper No. 254, Juli 2006 Public Opinion, International Economic Integration, and the Welfare State (Kenneth F. Scheve und Matthew J. Slaughter, Mai 2004), (pdf, 196 kB) Ich selbst verfolge den Aufstieg des Südens (nicht nur Asiens) auch schon ziemlich lange. Im November 1994 etwa habe ich mich etwa im Südwind-Magazin mit dem Artikel Markt und Macht kurz damit befasst (an diesen Artikel habe ich mich erst durch den Economist Survey wieder erinnert ...). Samstag, 29. April 2006Millenniumsziele - Finanzierung: Neue Steuerideen sind keine Goldgrube
Ob die Millenniums-Entwicklungsziele tatsächlich erreicht werden können, hängt von allem Möglichen ab, von neuen internationalen Steuern aber kaum.
Auf hehre Ziele konnte sich die internationale Gemeinschaft in den vergangenen Jahrzehnten meist relativ problemlos einigen, insbesondere auf Ebene der Vereinten Nationen. Wer wieviel springen lassen soll, damit diese Ziele auch erreicht werden, war dagegen stets eine schwierige Frage. Noch schwieriger wird's, wenn nicht einmal klar ist, was der Spaß überhaupt kostet. Das ist etwa bei den acht so genannten Millenniums-Entwicklungszielen der Fall, die bis 2015 erreicht werden sollen. Immerhin gibt es seit der Veröffentlichung des Berichts des UN Millennium Project (Link zur Download-Seite) im Jänner 2005 einen Anhaltspunkt. Mit viel Aufwand versuchte darin ein Team unter Leitung des Harvard-Ökonomen Jeffrey Sachs insbesondere auszurechnen, welche zusätzlichen Finanzmittel (über die aktuelle Entwicklungshilfe hinaus) die reichen Länder den ärmeren bis 2015 zukommen lassen müssten: Im Vergleich zum Niveau dieser Hilfe im Jahr 2002 ergab sich für 2006 ein Betrag von 70 Mrd. US-Dollar, der bis 2015 auf 130 Mrd. US-Dollar anwachsen müsste (jeweils in Dollar von 2003). Wie nicht anders zu erwarten beruhen diese Zahlen auf zahlreichen Annahmen, die zutreffen können oder auch nicht - insbesondere etwa der Annahme, dass sich die Pro-Kopf-Wachstumsraten in Entwicklungsländern in den kommenden Jahren wesentlich beschleunigen würden. Denn darauf beruht die unterstellte hohe Eigenfinanzierungkraft im Süden. Man könnte auch von einem finanziellen Kartenhaus sprechen. Wie dieser "Zuschussbedarf" kalkuliert wurde, habe ich kurz in meinem Artikel Der Preis der Vision zu schildern versucht, ursprünglich erschienen im Südwind-Magazin als Teil der Sonderausgabe zu den Millenniumszielen von April 2005. Darin habe ich auch gewagt, eine merkwürdige (weltweite?) Informationslücke zu schließen: Denn was die Umsetzung der Millenniumsziele insgesamt kosten würde, ist dem Bericht nicht zu entnehmen. Das Ergebnis: etwa 3.400 Mrd. US-Dollar (ohne Schuldenaufnahme der reichen Länder) oder 4.100 Mrd. US-Dollar (mit Schuldenaufnahme der reichen Länder, also inkl. Zinskosten). Den Großteil würden die Entwicklungsländer selbst bezahlen müssen - und zwar aus den laufenden Einnahmen, denn bei Schuldenfinanzierung würden sich die Kosten für den Süden locker verdoppeln. Und wohlgemerkt: Es handelt sich bei diesen Beträgen um die Summe der gegenüber den bisherigen Ausgaben zusätzlich aufzubringenden Mittel. Wie auch immer: EntscheidungsträgerInnen sind stets für "konkrete" Zahlen dankbar, was sie mit den Medien ebenso gemeinsam haben wie mit den Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs). Im konkreten Fall konzentriert sich das öffentliche Interesse allerdings nur auf den geschätzten jährlichen Zuschussbedarf des Nordens, quasi die Spitze des Eisbergs der Gesamtkosten; diese sowie das zugrundeliegende Annahmengerüst werden weitgehend ausgeblendet. Ein Grund dürfte sein, dass diese "Zuschussbeträge" zwar erheblich, aber doch nicht unfinanzierbar erscheinen. Erst diese selektive Aufmerksamkeit schafft die Bühne, auf der die Debatten über die Art der Finanzierung dieses Zusatzbedarfs inszeniert werden können. Und erst die Ausblendung der Gesamtkosten verschafft einigen Finanzierungsideen die nötige Attraktivität - insbesondere der Möglichkeit, die Mittel durch neue internationale Steuern aufzutreiben, darunter eine Steuer auf Devisentransaktionen ("Tobinsteuer"), für deren Einführung sich insbesondere das globalisierungskritische Netzwerk attac seit Jahren einsetzt - bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Was ist von solchen internationalen Steuern zu erwarten? Eher wenig. Argumente für diese nüchterne Einschätzung habe ich im Artikel Die Melkkühe des Tantalus (Mai 2005) zusammengefasst. Etwa wird mit Bruttoerträgen gerechnet anstatt Steuerausfälle einzukalkulieren - eine "Terra Tax" auf internationale Handelsgeschäfte könnte per Senkung des Wirtschaftswachstums durchaus weit mehr Steuerausfälle bewirken als sie an Mitteln überhaupt einbringt; eine Waffenexportsteuer wäre höchstwahrscheinlich ein Nullsummenspiel, und eine "Tobinsteuer" könnte außerdem mit unerwünschten Verteilungseffekten einhergehen, wenn sie einfach auf den produktiven Sektor überwälzt wird. Im Endeffekt kann niemand sagen, ob der öffentliche Sektor, weltweit gesehen, nach Einführung solcher Steuern tatsächlich mehr Mittel zur Verfügung haben würde als vorher - was aber im Kontext der Millenniumsziele ja der eigentliche Zweck der Übung wäre. Und schließlich, was oft unter den Tisch zu fallen scheint: Mehr Mittel durch mehr Steuern kann es stets nur geben, wenn die Kühe, die gemolken werden sollen, nicht geschlachtet werden und sich vermehren. Das tun sie derzeit, und sie geben auch mehr "Milch": 2005 wuchs das Weltwirtschaftsprodukt nach IWF-Schätzungen um ca. 1.700 Mrd. US-Dollar. Selbst bei einer Staatsquote von nur 30% ergibt sich eine weltweite Zunahme der für öffentliche Leistungen (inkl. gesetzliche Sozialversicherung) verfügbaren Mittel um 510 Mrd. Dollar. Insofern hat die Debatte um die Einführung internationaler Steuern eher symbolischen Charakter. Um aus den Melkkühen des Tantalus zu zitieren: "Nichts spricht dagegen, sich für die Einführung solcher Steuern einzusetzen. Zu bedenken wäre aber, dass es sich bei einigen dieser Steuerideen letztlich um Substitute viel weitreichenderer steuer-, budget- und handelspolitischer Konzepte handelt. Die Tobinsteuer ist ganz offensichtlich ein schwacher Abklatsch einer weltweit höheren Kapitalertragssteuer, die Terra Tax eine - durch ihren Pauschalcharakter noch dazu pervertierte - Miniversion von Sozial- und Umweltausgleichszöllen im Welthandel und die Waffenexportsteuer ein Versuch, wenigstens auf Umwegen die Aufrüstung ein wenig einzudämmen. Anders gesagt: Man haut den Sack und meint den Esel." Samstag, 18. März 2006Industrialisierung: China 2005 - Oberösterreich 1919
China mag geographisch weit weg sein. Emotional ist es mir wieder ein Stück näher gerückt.
Auf 100 bis 150 Millionen oder mehr wird die Zahl der "WanderarbeiterInnen" in China geschätzt - eine diskriminierte und ausgebeutete Unterklasse des "Wirtschaftswunders" im Reich der Mitte. Einen Einblick in die Lebensumstände dieser Menschen bietet ein Interview mit einer 21-jährigen Wanderarbeiterin, das Anfang März im China Labour Bulletin (Hongkong) veröffentlicht wurde: The "Nine Lives" of a Chinese Woman Migrant Worker: Ms. Zhang Tells Her Story. (Etwas Geduld kann wegen des ab und zu langsamen Verbindungsaufbaus nötig sein.) Ein Grund, warum mich ihre Geschichte berührt hat, war die Handverletzung, die sich die junge Frau bei einem Arbeitsunfall in einer Bekleidungsfabrik zugezogen hat, glücklicherweise aber offenbar ohne bleibende Behinderungen. Die Mutter meines Vaters hatte weniger Glück. Sie hatte als junge Arbeitsmigrantin (aus Unter Markschlag nach Linz) bei einem Arbeitsunfall ihre rechte Hand verloren - das dürfte etwa 1919 gewesen sein, allerdings in einer Nudelfabrik. Eine weitere (neben dem China Labour Bulletin) gute Informationsquelle zu Arbeitsbedingungen, gewerkschaftlichen Aktivitäten etc. in China und der Asien-Pazifik-Region ist die Website von CSR Asia (Corporate Social Responsibility in Asia), insbesondere ihre Weekly Reports (pdf-Dokumente). Eine Behinderung erhöht das Armutsrisiko übrigens erheblich - nicht nur, aber ganz besonders in armen Ländern. Einige Fakten: # Behinderte Frauen haben ein zwei- bis dreimal höheres Risiko, körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht zu werden als Frauen ohne Behinderungen. # Nur zwei Prozent der behinderten Menschen in Entwicklungsländern haben Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung und Rehabilitation. # 20 Millionen Menschen weltweit benötigen einen Rollstuhl, haben aber keinen. Die Fakten entstammen dem Schwerpunktthema Behinderung (Link zum Hauptartikel) in der Ausgabe 2-06 des Südwind-Magazins. Die Artikel erschienen ursprünglich in der Ausgabe 384 des New Internationalist. Dienstag, 7. Februar 2006WTO/Doha: Viel Lärm um wenig
Wirtschaftlich wäre ein Scheitern der Doha-Runde der WTO keine Katastrophe – selbst nach konventioneller Betrachtung. Das habe ich in meinem Artikel für die Ausgabe 12/05 des Südwind-Magazins darzustellen versucht. Der Artikel ist nun Online frei zugänglich: Aufgebauschte Gewinne.
Punkte u.a.: Nach konventionellen Modellen könnte eine wahrscheinliche Doha-Runde weltweite Wohlfahrtsgewinne zwischen ca. 30 bis maximal 100 Mrd. US-Dollar ergeben. Im Vergleich dazu dürfte die Weltwirtschaft 2005 nach Schätzungen des IWF um 1.700 Mrd. Dollar gewachsen sein. Vielleicht ist es entgegen dem offiziellen Mantra doch nicht die Liberalisierung des Handels, die zu mehr Wachstum führt, sondern die jeweils verfolgte nationale Wirtschaftspolitik, die das Wachstum und in der Folge den Handel ankurbelt. Siehe dazu auch die Einträge in diesem Weblog unter der Kategorie globalisierung. Mittwoch, 7. Dezember 2005Mikrokredite/Entwicklung: It’s finance, stupid
Die Expansion der Mikrofinanzbranche kann auch als Beleg der zentralen Rolle des Finanzsektors als Wachstumsmotor gerade in armen Ländern verstanden werden.
Über die Gründe des Erfolgs der Mikrofinanzbranche und ihre Innovationen existieren zahlreiche umfangreiche Analysen. Eine knappe Einführung bieten meine beiden Artikel von 1999 (Klein, aber oho) und 2004 (Zwischen Erfolg und Überschätzung). Kurz: Die Aktivitäten der Mikrofinanzbranche ermöglichen bestimmten, bisher unterversorgten Sektoren der Gesellschaft Zugang zu Investitionskrediten; damit beseitigen sie einen Engpass, der auf lokaler, aber auch regionaler Ebene als Wachstumsblockade wirkt. Auch 2004 ist die Branche weiter rasch gewachsen, wie dem am 7. Dezember 2005 veröffentlichten neuen Bericht der Microcredit Summit Campaign entnommen werden kann. Ende 2004 hatten Mikrokreditorganisationen weltweit 92 Millionen KreditkundInnen, davon 66 Millionen unter den Ärmsten. Dies entspricht einem Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von 14% bzw. rund 22%. Rechnet man im Schnitt vier Familienangehörige pro KreditnehmerIn hinzu, erweitert sich der Kreis der direkt Begünstigten auf rund 450 Millionen bzw. 300 Millionen Menschen. [Hier die Download-Adresse des Report 2005 (pdf, 764 kB).] Zwar werden Mikrokredite und nach den selben Grundsätzen maßgeschneiderte Spar- und Versicherungsprodukte als wichtiges Instrument der Armutsbekämpfung betrachtet. Selten wird jedoch die Bedeutung dieses Ansatzes für die Analyse der Wachstumsprobleme ärmerer Länder überhaupt erkannt: Genauso wie der fehlende Zugang zu Krediten die Chancen ärmerer Bevölkerungsschichten vermindert, ihr Einkommen zu erhöhen, kann ein Versagen oder eine Disfunktionalität des Finanzsektors die Entwicklungschancen eines ganzen Landes blockieren. Denn die Finanzierung von Investitionen per Kreditschöpfung durch Banken bzw. den Finanzsektor ist eine unumgängliche Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Schafft es der Finanzsektor eines Landes etwa nicht, kontinuierlich Investitionskredite zu vernünftigen Konditionen und in ausreichendem Umfang bereitzustellen, ob an den Staat oder an Unternehmen beliebiger Größenordnung, wendet sich der Blick zwangsläufig ins Ausland: Der Mythos, Entwicklungsländer müssten Auslandskapital importieren, weil ihre „Ersparnisse“ zu niedrig seien, steht nicht zuletzt mit einem Versagen des nationalen Finanzsektors in Zusammenhang (zu diesem Mythos bzw. Trugschluss siehe meinen Text Ersparnisse und Investitionen). Tatsache ist jedoch, dass eine Investition, sofern durch einen Bankkredit finanziert, automatisch von so genannten „Ersparnissen“ in gleicher Höhe begleitet wird: Insofern schaffen die Investitionen die Ersparnisse und nicht die Ersparnisse die Investitionen (wieso das so ist, versuche ich unter rätsel geldschöpfung zu erklären.) Insofern ist ein Mangel an „Geld“ – eigentlich „Kredit“ – in ärmeren Ländern unter aktuellen Verhältnissen eigentlich das geringste Problem. Klar: die Investitionsbereitschaft kann zu gering sein. Da es in ärmeren Ländern jedoch gewaltigen ungedeckten Bedarf an privaten Gütern (Konsum) und Infrastruktur (etwa Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, Verkehrsystem, Energieversorgung, Telekommunikation etc.) gibt, kann es nicht an den fehlenden Investitionschancen liegen. Zu geringe Investitionen sollten nur vorübergehend (abhängig von internen und externen Konjunkturzyklen) oder im Rahmen politischer Krisen (zunehmende Risken) ein Problem sein. Sind daher in ärmeren Ländern oder Regionen längerfristig niedrige oder gar sinkende Investitionsquoten festzustellen, wäre es angebracht, sich den jeweiligen Finanzsektor näher anzusehen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit läuft dort etwas falsch. Das kann an externen oder internen Ursachen oder an beidem zugleich liegen. Ein Beispiel für externe Ursachen niedriger Investitionsquoten ist das internationale Regime, dem Entwicklungsländern im Gefolge der Schuldenkrise der 1980er Jahre unterworfen wurden. Voraussetzung dafür war eine Internationalisierung der Kapitalmärkte: Insbesondere US-Banken exportierten in den 1970er Jahren überschüssige Petrodollars zu unschlagbar niedrigen Zinsen an opportunistische politische Eliten in Entwicklungsländern, die die Risken einer Auslandsverschuldung großzügig missachteten. Asienkrise: Zuviel Kredit Auch die Finanzkrise der asiatischen "Tiger"-Staaten 1997/98 resultierte aus einem Versagen des Finanzsektors. Hier wurde aber nicht zu wenig Kredit vergeben, sondern zu viel - anstatt produktiver Investitionen wurde eine Spekulationsspirale auf Aktien- und Immobilienmärkten finanziert. Gemeinsames Merkmal beider Schuldenkrisen war allerdings das niedrigere Zinsniveau im Ausland (USA, Europa), womit der Anreiz zur Auslandsverschuldung gegeben war. Siehe u.a. Tiger in der Falle (Februar 1998) Nach dem Zusammenbruch der öffentlichen Finanzen wurde unter Aufsicht der Internationalen Finanzinstitutionen ein Regime für die Schuldnerländer eingerichtet, das den Bedarf an Auslandskapital von einer theoretischen Fiktion in eine perverse Realität verwandelte: Um den in Devisen zu leistenden Schuldendienst zu finanzieren, muss nicht nur ein Exportüberschuss erzielt, sondern darüber hinaus noch Kapital importiert werden. Pervers auch deshalb, weil das importierte Kapital keineswegs irgendwelche fehlenden "Ersparnisse" ersetzt, sondern entweder postwendend oder später in Form repatriierter Profite wieder in den Norden verschwindet. Gleichzeitig wurden mit wenigen Ausnahmen die Wechselkurse freigegeben und der Kapitalverkehr liberalisiert. Damit kommt jedoch dem Leitzinssatz auch die Funktion zu, das aufgrund des Schuldendienstes prekäre außenwirtschaftliche Gleichgewicht der betroffenen Länder aufrechtzuerhalten, anstatt als Parameter zur Steuerung der Kreditschöpfung im eigenen Land zur Verfügung zu stehen. Der Leitzinssatz ist deshalb in der Regel zu hoch - das ist insbesondere in Brasilien der Fall. Heute ist dieser Zinssatz mit real 13% (nominell 18,5%) sogar höher als vor drei Jahren beim Amtsantritt Lulas (Quelle: Banco Central do Brasil). [Zur Zinspolitik in Brasilien siehe auch meinen Artikel Quo vadis, Lula? (Dezember 2002).] Unter diesen Umständen ist der inländische Finanzsektor zwar profitabel ("gesund"), kann aber seine Rolle als Kreditgeber der nationalen Wirtschaft nur beschränkt erfüllen. Stattdessen verschulden sich zumal brasilianische Großunternehmen per Emission von Dollaranleihen im Ausland, weil dafür trotz "Riskoprämie" weit geringere Zinsen zu bezahlen sind. Das perpetuiert das Problem mit der Leistungs- und Kapitalbilanz und macht anfällig für Zinserhöhungen im Ausland, die nichts mit der eigenen Konjunktur zu tun haben - ein Teufelskreis. Mit diesem Regime wurde also über den Finanzsektor in allen betroffenen Ländern eine je nach Fall mehr oder weniger starke, permanente Wachstumsblockade installiert. Brasilien etwa erzielt zwar (nicht zuletzt wegen hoher Rohstoffpreise) derzeit Wachstumsraten von 3-4%, aber eigentlich müssten 7-8% wie in Indien oder mehr möglich sein. Hohe Kreditzinsen sind eine dem Finanzsektor gleichsam "aufgepropfte", letztlich externe Wachstumsblockade. Oft sind aber "interne" Blockaden, die nichts mit den Leitzinsen zu tun haben, weit wichtiger und viel schwieriger in den Griff zu bekommen. Im Wesentlichen geht es dabei um strukturelle Merkmale des Finanzsektors, die einem großen Teil potenzieller Investoren verunmöglichen, zu vernünftigen Konditionen Kredit aufzunehmen. Es kann etwa sein, das das Bankensystem im Wesentlichen eine beschränkte Klientel bedient, die einer staatlichen oder privaten Elite entstammt und insofern keinen Anreiz hat, sich um andere Kunden zu bemühen (von deren Kreditwürdigkeit die Banken dann zumeist ohnehin keine Ahnung haben). Fast überall zu beobachten ist jedoch der Ausschluss des informellen Sektors, der in vielen Entwicklungsländern 50% oder mehr des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Einer der Gründe, warum Unternehmen aus diesem Sektor keinen oder nur unzureichenden Kredit erhalten, ist die fehlende Exekutierbarkeit der Sicherheiten, über die sie verfügen. Dieses Problem, argumentiert der peruanische Ökonom Hernando de Soto, könnte durch eine Formalisierung der Vermögenswerte im informellen Sektor beseitigt werden. Nach Schätzungen des von de Soto gegründeten Institute for Liberty and Democracy in Lima/Peru dürfte allein das Vermögen an offiziell nicht registrierten Immobilien (Wohnungen, Häuser, Anbau- und Weideflächen) Ende der 1990er Jahre rund 9.300 Mrd. US-Dollar wert gewesen sein. [Siehe dazu auch meinen Artikel Wider die ökonomische Apartheid für das Südwind-Magazin (Juni 2005).] Hohe Investitionsquoten und hohe Wachstumsraten beruhen auf der Fähigkeit des Finanzsektors eines Landes, seiner Rolle als Wachstumsmotor gerecht zu werden. Diese Funktionsfähigkeit herzustellen sollte m.E. ein zentrales Ziel der Wirtschaftspolitik in ärmeren Ländern sein - entsprechende Veränderungen im externen Umfeld, sofern erforderlich, inbegriffen (etwa Entschuldung, Kapitalverkehrskontrollen). Oder kurz gesagt: It's finance, stupid. |
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