Dienstag, 10. Januar 2006Vogelgrippe: Indizien für niedrigere Virulenz
Eine neue Studie scheint nahezulegen, dass das H5N1-Virus weit weniger gefährlich ist als angenommen.
Die Studie unter Leitung von Dr. Anna Thorson am Karolinska Institute in Stockholm über 45.000 Menschen in Vietnam, einem der von der Vogelgrippe hauptbetroffenen Länder, zeigt, dass sich dort bisher bis zu 750 Menschen sehr wahrscheinlich mit dem Vogelgrippevirus H5N1 angesteckt haben. Tatsächlich könnte es aber tausende Infektionen gegeben haben, so Dr. Thorson in einem Artikel der britischen Tageszeitung Guardian (Link weiter unten). Diese Fälle könnten nicht registriert worden sein, weil die Symptome zu leicht waren oder von den untersuchenden ÄrztInnen übersehen wurden. Link zum Abstract der Studie in Archives of Internal Medicine, Vol. 166 No.1, 9. Jänner 2006: Is Exposure to Sick or Dead Poultry Associated With Flulike Illness?. Stimmt dieses Studienergebnis, wäre zwar auch das Ansteckungsrisiko höher und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein neues, von Mensch zu Mensch übertragbares Grippevirus entwickeln könnte. Aber H5N1 wäre dann weit weniger virulent als bisher angenommen, und es gäbe wenig Grund, sich vor allfälligen Mutationen zu fürchten. Grippeviren gibt es jedes Jahr neue, und insgesamt Hunderte. Der Guardian hat es sich leider nicht nehmen lassen, diese eigentlich positive Meldung ins Gegenteil zu verkehren. Hier der Link zum Guardian-Artikel zur Studie von Dr. Anna Thorson mit dem irreführenden "Angstmacher-Titel" Hidden victims highlight ease of transmission (10.1.2006). Diese Studie bestätigt jedenfalls die Informationen der Redflags-Kolumnistin Sherri Tenpenny in "Eliminating Bird Flu Fears: 10 Facts You Need To Know", auf die ich in meinem Kommentar Vogelgrippe: Tatsachen statt Hysterie am 5.11.2005 hingewiesen habe. (Zugang zum Artikel auf www.redflagsdaily.com siehe im angegebenen Kommentar.) Samstag, 5. November 2005Vogelgrippe: Tatsachen statt Hysterie
H5N1: Todesraten u.U. weit übertrieben
Was bereits bei SARS gespielt wurde, erreicht mit der weltweit geschürten Hysterie in Zusammenhang mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 neue Dimensionen. Das war leider zu erwarten und repräsentiert eine höchst gefährliche Entwicklung (siehe meinen kurzen Text seuchenangst: hello orwell). Ein Zitat aus diesem Text Massenmedien können aber auch von politischen EntscheidungsträgerInnen "kooptiert" werden, wenn es darum geht, die öffentliche Meinung in diese oder die andere Richtung zu manipulieren. Nachrichten über neu entdeckte Infektionskrankheiten etwa ergeben eine perfekte "Win-win"-Situation: Schlechte Nachrichten sind bekanntlich gute Nachrichten, daher besteht für Massenmedien ein Anreiz, offizielle Warnungen 1:1 wiederzugeben oder zu verstärken, ohne die wissenschaftliche Basis näher zu prüfen, die die Realität der angeblichen Bedrohung untermauert. In diesem Zusammenhang möchte ich allen BesucherInnen empfehlen, die beiden von der Redflags-Kolumnistin Sherri Tenpenny geschriebenen Artikel zu lesen: Eliminating Bird Flu Fears: 10 Facts You Need To Know und Throw Out the Playbook: A New Plan Arrives Im ersten Artikel belegt die Autorin anhand zweier Quellen, dass die offiziell angegebene Mortalität von 51% bei H5N1-infizierten PatientInnen keinen Rückschluss auf die tatsächliche Gefährlichkeit des Virus erlaubt, da es möglicherweise tausende asymptomatische oder milde verlaufende Infektionsfälle gibt, die einfach nicht entdeckt wurden oder werden können. Mit anderen Worten: Selbst ein (nach Mutation/Rekombination) leicht auf den Menschen und von Mensch zu Mensch übertragbares H5N1-Virus ist vielleicht genauso gefährlich oder ungefährlich wie ein beliebiges anderes menschliches Grippevirus. (Nebenbei: Das gefürchtete SARS-Virus - kein Grippe-Virus - scheint irgendwie von der Bildfläche verschwunden zu sein. Ausgestorben?) Im zweiten Artikel prognostiziert die Autorin eine mögliche weltweite Massenimpfungskampagne, sobald die Pharmaindustrie Impfstoffe gegen Vogelgrippe für Menschen entwickelt hat. [Solange sich allerdings kein leicht von Mensch zu Mensch übertragbares Virus entwickelt hat und dieses analysiert wurde, wird es wohl keine effektive Impfung geben können.] Die Quellen: 1) Relatives of avian flu patients have asymptomatic cases, by Robert Roos. CIDRAP News. March 9, 2005 2) Beigel, JH. Avian influenza A (H5N1) infection in humans. N Engl J Med. Sept. 29, 2005;353(13):1374-85. New England Journal of Medicine, Zitate The frequencies of human infection have not been determined, and seroprevalence studies are urgently needed. (...) The fatality rate among hospitalized patients has been high (Table 3), although the overall rate is probably much lower. (...) Commercial rapid antigen tests are insensitive, and confirmatory diagnosis requires sophisticated laboratory support. CIDRAP, Zitate The confirmation of asymptomatic cases implies that infections may be more common than previously thought and that the case-fatality rate may be lower. The fatality rate for officially confirmed cases has hovered in the 70% range. (...) Thompson [Dick Thompson, infectious disease spokesman for the World Health Organization (WHO)] commented, "The CFR [case-fatality rate] had to be overstated. The cases we were sure of were those which were sick enough to go to a hospital and these extreme cases have very poor outcomes. Surely others were infected and either not getting sick or not getting sick enough to seek treatment at a hospital. Factoring those into the CFR has been impossible. We simply don't know the denominator." Aus der Selbstbeschreibung von redflagsdaily.com: "A membership website that carefully filters the news, separating substance from the sea of health hype that is flooding the Internet." Zugang zu den beiden Artikeln: 1. Auf www.redflagsdaily.com gehen 2. Auf den Link unter "Eliminating Bird Flu Fears: 10 Facts You Need To Know" klicken 3. Name und E-Mail-Adresse angeben. Die unmittelbar zugesandte E-Mail enthält die Links zu beiden Artikeln sowie zu ca. einem Dutzend anderer Beispielartikel der Website. Montag, 29. November 2004Aids/HIV: Werden wir wirklich unvorsichtiger?
Lieber politisch korrekt als sachlich gedeckt, das scheint die Devise des jüngsten "Safer Sex"-Aufrufs zum Welt-Aids-Tag am 1.12. zu sein.
Mehr als sechs Wochen nach der letzten, nicht belegten Horrormeldung über steigende HIV-Infektionen in Österreich (siehe Kommentar vom 13.10.2004) hat die ORF-Redaktion am 29.11.04 die einigermaßen spärliche Evidenz nachgeliefert - und dabei die Aussage abgeschwächt: Die Neuinfektionen "dürften steigen"; ein Anstieg "wird befürchtet" heißt es nun. In Zahlen: Ein Anstieg von 423 auf ca. 480 registrierte Neuinfektionen (siehe ORF Online - Meldung). [Nachtrag: Die tatsächliche offizielle Zahl für 2004 war dann 470 - siehe Infos des Instituts für Virologie der Universität Wien] Jede Diagnose einer HIV-Infektion ist natürlich eine zuviel, allein schon wegen des damit verbundenen psychischen Schocks für die Betroffenen. Vor allem bewirken anhaltender Stress und Depressionen an sich bereits eine Schwächung des Immunsystems und höhere Krankheitsanfälligkeit, was einen Teufelskreis auslösen kann. Doch selbst wenn sich die Befürchtungen bestätigen, bewegte sich der Anstieg innerhalb der durchschnittlichen jährlichen Schwankung (1990-2003) von etwa +/- 70 Neuinfektionen und wäre statistisch nicht signifikant. Daraus allein lassen sich kaum Rückschlüsse auf das Sexualverhalten in Österreich ziehen. Gibt es aber darüber hinaus Indizien für den (regelmäßig behaupteten) Zusammenhang zwischen HIV-Neuinfektionen und Sexualverhalten? Ist ein risikoreicheres Sexualverhalten die Ursache, müsste sich dieses auch an Hand anderer Indikatoren feststellen lassen. Insbesondere müsste die Zahl der Infektionen mit sexuell übertragenen Krankheiten zunehmen, beispielsweise mit Gonorrhoe/Tripper und Lues/Syphillis (in Österreich meldepflichtig). Die Entwicklung dieser drei Zahlenreihen (inkl. HIV-Neuinfektionen) von 1990-2003 inkl. Prognosedaten für 2004 lässt sich der Grafik entnehmen. Die schwarze Kurve beschreibt übrigens die Zahl der Anzeigen wegen Heroin-/Opiatmissbrauch nach dem Suchtmittelgesetz von 1993 bis 2002 - dazu weiter unten. ![]() Was die Korrelationen der Zahlenreihen betrifft, bestätigt sich wieder einmal der bekannte Satz: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Je nach den gewählten Bezugsjahren und Krankheiten schwanken die Korrelationskoeffizienten von -0,68 bis +0,92! Über den Gesamtzeitraum etwa korreliert Lues mit HIV praktisch nicht (-0,03) und mit Tripper negativ (-0,24). Andererseits ergibt sich eine positive Korrelation zwischen Tripper-Fällen und HIV-Infektionen (+0,63). Betrachte ich aber den Zeitraum 1998-2003, korreliert Lues sowohl mit Tripper (+0,92!) als auch mit HIV-Infektionen (+0,78!) positiv; zwischen 1990 und 1997 verhielt es sich aber praktisch umgekehrt (-0,30 bzw. -0,68). Zwischen 1990 und 1994 wiederum korreliert Tripper mit HIV-Infektionen negativ (-0,34), von 2000 bis 2004 positiv (0,45). Überraschend sind aber weitere Zusammenhänge, die ich mir probehalber angesehen habe. Etwa korreliert die Zahl der HIV-Neuinfektionen zwischen 1993 und 2002 positiv mit den Anzeigen wegen Heroin- und/oder Opiatmissbrauch nach dem Suchtmittelgesetz - und mit +0,54 sogar ziemlich stark. Die stärkste Korrelation überhaupt zwischen allen vier in der Grafik abgebildeten Zahlenreihen besteht aber zwischen Tripper-Fällen und den genannten Anzeigen - mit einem Koeffizienten von sage und schreibe +0,85! Natürlich ist generell in Frage zu stellen, inwieweit die offiziellen Infektionsstatistiken die Realität korrekt abbilden, und die Aussagekraft von Korrelationen auf Basis schlechter Daten sind daher noch um einen Faktor unzuverlässiger. Genau das zeigt ja das Beispiel der seltsam hohen Korrelation von Tripper und Anzeigen. Die unangemessene statistische Erfassung der Realität verwandelt die selbe jedoch in konturlose Nebelschwaden, in die wie bei einem Rohrschach-Test bequem alles hineingedeutet werden kann, was man/frau a priori glaubt bzw. befürchtet. Summa summarum: Anhand dieser Daten kann mich jedenfalls niemand davon überzeugen, dass ein Anstieg der HIV-Neuinfektionen irgend etwas mit einer Änderung des Sexualverhaltens hierzulande zu tun hat. Und ich bin der Auffassung, dass sich auch niemand davon überzeugen lassen sollte. Selbst wenn am 1.12. Welt-Aids-Tag ist. Aktuelle Zahlen (30.11.2007) Die Entwicklung der registrierten HIV-Neuinfektionen in Österreich bis 2006 scheint meine im obigen Kommentar geäußerte Skepsis zu bestätigen. Hier eine aktualisierte Grafik mit offiziellen Zahlen bis 2006:![]() Quelle: Virusepidemiologische Information Nr.04/07 (pdf, ca. 1 Mb) |
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